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Ausstellung

Die Dauer des Vergänglichen
«Öffentliches Buch», 1981 © VG Bild-Kunst, Bonn 2010 Foto: Kai-Annett Becker
Kein Werk aus einem Guss: Die Berlinische Galerie zeigt derzeit das vielfältige Schaffen der Bildhauerin Ursula Sax.

Wer Berlin mit dem Auto über die «AVUS»-Stadtautobahn erreicht oder verlässt, der hat in der Nähe des alten Berliner Funkturms und des Messegeländes vermutlich das größte und zugleich bekannteste Werk von Ursula Sax wahrgenommen: Ihr «Looping» ist ein 19 Meter hohes und 50 Meter langes, dabei dreifach um sich selbst gewundenes Rohr aus gelb lackiertem Eisen. Es ist ein Werk, das sich in seiner schwunghaften Unaufdringlichkeit dennoch aufdrängt seit seiner Errichtung Anfang der neunziger Jahre. Zumindest gibt es zahllose Kommentare darüber. Sehr kurze – wie «Nonsens» –, aber auch sehr lange, geradezu besinnliche Einlassungen. Es ist ein Ominosum, um so erstaunlicher in seiner vielfältigen Wirkung, je länger man davorsteht – und als solches eine Chiffre für das Gesamtwerk von Ursula Sax, das in den fünf Jahrzehnten seiner bisherigen Entwicklung oft nur einem überschaubaren Kreis bekannt wurde.

Dass sie jetzt mit einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie gewürdigt wird, dass dies vielleicht auch zu einer etwas breiteren Rezeption führen könnte – das scheint nicht zuletzt dem energischen Engagement der Künstlerin selbst zuzuschreiben zu sein. Sie hat der Berlinischen Galerie, dem Landesmuseum Berlins für moderne Kunst, Fotografie und Architektur, eine Schenkung von achtzig Werken angeboten, die diese angesichts der Qualität und auch angesichts der Verwurzelung der Künstlerin in der Stadt nicht ablehnen konnte, zumal das Museum befugt wurde, frei auszuwählen. Geht man zu weit, diese Schenkung als Schachzug einzuschätzen, als eine Art freundliche Notwehrmaßnahme der Künstlerin gegen die persistente Bedrohung ihres höchst erstaunlichen und vielfältigen Lebenswerkes durch die Vergesslichkeit der Kunstinstitutionen?
 
Ihre Biografie deutet vordergründig nicht unbedingt auf einen Mangel an Anerkennung hin. Nach ihrem – für heutige Verhältnisse recht ausgeprägten – Studium der Bildhauerei in Stuttgart und Berlin zwischen 1950 und 1960 lebte und arbeitete Ursula Sax jahrzehntelang freischaffend in Berlin; erhielt unter anderem Stipendien der Villa Romana und der Villa Massimo und den Will-Grohmann-Preis. Schließlich wurden ihr auch Hochschulprofessuren in Berlin, Braunschweig und dann, bis zur Emeritierung im Jahr 2000, in Dresden zuteil. Eine Dominante ihres Œuvres sind zweifellos ihre zahlreichen Aufträge für Arbeiten im öffentlichen Raum. Zwar wurden ihre Arbeiten auch in vielen Ausstellungen gezeigt – doch die für die Aufmerksamkeitsökonomien des Kunstbetriebes offenkundig so zwingend notwendige documenta- oder Biennalen-Teilnahme oder die große Retrospektive an einem der führenden Museen war bislang nicht darunter.
 
© VG Bild-Kunst, Bonn 2010 Foto: Kai-Annett Becker© VG Bild-Kunst, Bonn 2010 Foto: Kai-Annett Becker© VG Bild-Kunst, Bonn 2010 Foto: Kai-Annett BeckerFoto: Bossletpublicart
Dabei gibt es wenige Künstlerinnen und Künstler in Deutschland, die wie Sax mit geradezu spielerischer Leichtigkeit über den scheinbar unvereinbaren Stil-Gräben des modernen Nachkriegserbes balancieren und dabei ungeahnte Verbindungen herstellen. Der große Berliner Looping ist für sich schon ein Beispiel: Der scheinbare Widerspruch einer abstrakten Geste – wenn es so etwas gäbe. Eine ebenso konstruktiv-dynamische wie informell-organische Form, zugleich aber auch eine übermütige, lakonische Erhebung über den öffentlichen «Sinn» von Kunst und eine parodistische Imitation des sie umgebenden Raumes: nämlich jener von den zahlreichen, irrwitzigen Straßenschleifen des Autobahndreiecks am Berliner Funkturm durchzogenen transitorischen Brache einer «autogerechten Stadt».
 
Die Ausmaße der Skulptur sind riesig, raumgreifend, auch raumbildend, sie wirft die berechtigte Frage auf, was eigentlich die Skulptur ist, die Realität des Autobahnkreuzes oder die vermeintliche des Kunstwerks? Dabei frischt sie jene Anflüge dadaistischer Wut wieder auf, die etwa das Werk Hannah Höchs oder auch Sigmar Polkes berühmte Parodien auf die «Moderne Kunst» auszeichneten (auf deren bekanntesten Bild, dem Gemälde «Moderne Kunst», ja ebenfalls ein langer, vielfach gedrehter Looping zu sehen ist, als «Urform» der modernen Abstraktion).
 
«Alle Dinge sind aus dem Nichts geschaffen, darum ist ihr eigentlicher Ursprung das Nichts» – zitiert Ursula Sax den mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart am Beginn ihres Werkkataloges, dessen Einband im selben Zitronengelb ihrer großen Loopingskulptur gehalten ist. Ein Zitat aus dem Kontext der bildlosen Andacht Gottes – angewendet auf Sax' Œuvre wirkt es jedoch wie eine ironische historische Selbstverortung im Nichts des Neuen.
 

 

 



18.08.2010 Carsten Probst
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Betreff:
Kunst
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