Nach 70 Jahren ist die Türckische Cammer in Dresden wieder eröffnet worden: Eine der ältesten Sammlungen osmanischer Kunst außerhalb der Türkei zeigt prunkvolle und kostbare Exponate. Blickfang ist ein aufwändig restauriertes Staatszelt von 20 Metern Länge.
Im «Weltkültürerbe» von Dresden ist die Türkenzeit angebrochen. Überall in der Stadt laden Plakate mit lebensgroßen Pferdeköpfen zur «Kültürbegegnung» ein. Man trifft sie am Eingang zur neu eröffneten «Türckischen Cammer» im Residenzschloss wieder: Vier naturgetreu aus Holz geschnitzte Araberhengste springen den Besucher an und führen kostbar verziertes Punkreitzeug vor; vier weitere Artgenossen sind über die Schauräume verteilt. Diese acht edlen Rösser sind das einzige Lebendige in einer der ältesten Sammlungen osmanischer Kunst außerhalb der Türkei, die erstmals nach 70 Jahren wieder öffentlich zu sehen ist: Sie glänzt ansonsten mit todbringender Pracht.
Die Türckische Cammer war Teil der Rüstkammer der Wettiner-Fürsten, also ihrer Sammlung gebrauchsfähiger Waffen. Die ersten orientalischen Säbel erhielt Kurfürst Christian I. nach seiner Machtübernahme 1587 von italienischen Herzögen als kleine Aufmerksamkeit. Exotisches Kriegsgerät war damals bei Herrschern als Präsent beliebt, um sich gegenseitig ihre Gunst zu bezeugen. Kaiser Rudolf II. schickte 1602 seinem Verbündeten Christian II. fünf malerisch gekleidete Gefangene und drei Pferde samt vollständiger Ausrüstung nach Sachsen. Die wird nun in der Ausstellung gezeigt – was aus der lebenden Kriegsbeute wurde, weiß man nicht.
„Türckische Cammer“: Dauerausstellung im Residenzschloss Dresden, Taschenberg 2.
Täglich außer dienstags 10 bis 18 Uhr. Katalog 24,90 €.
Staatliche Museen Dresden
Begehrte Stücke, die ihnen nicht geschenkt wurden, kauften die Fürsten an. Dafür entstand rasch ein internationaler Markt. Waffenschmiede in Siebenbürgen eigneten sich osmanische Herstellungs-Techniken an und belieferten bald Herrscherhäuser in ganz Europa mit Schwertern und Dolchen, Helmen und Harnischen «alla turca». 1610 fertigte der Goldschmied Johann Michael in Prag für Christian II. eine Prunkwaffengarnitur an, die komplett mit Email und Edelsteinen bedeckt war; unter ihrem Gewicht müssen Ross und Reiter geächzt haben. Das Dekor deutete aber bereits an, dass sich die martialische Orient-Faszination allmählich in eine spielerische verwandelte: Sattel und Schabracke sind mit türkischen Halbmonden aus Gold bestickt, die barock anmutende Gesichter tragen.
Die Niederlage des osmanischen Heeres vor Wien 1683 zerstörte den Mythos seiner Unbesiegbarkeit. Nun wurde die «Türkenmode» zum amüsanten Zeitvertreib. August der Starke trug gern seidene Kaftane und ließ ein Wachsfigurenkabinett als «Serail» mit Sultan und Haremsdamen einrichten. Seinen Sohn verheiratete er 1719 mit einer Habsburgerin in türkischen Zelten, die er aus Istanbul importiert hatte. Elf Jahre darauf veranstaltete August bei Zeithain sogar eine Truppenschau im türkischen Stil. Als Janitscharen und Ulanen kostümierte Regimenter marschierten in einer riesigen Zeltstadt vor gekrönten Häuptern auf.
Von diesem militärischen Maskenball sind noch zwei Zelte erhalten. Sie stellen einen Raum füllenden Blickfang dar: Das größere ist allein 20 Meter lang, acht Meter breit, sechs Meter hoch und wird von drei Masten getragen. Die Restaurierung dieses osmanischen Staatszeltes dauerte 15 Jahre und verschlang mehr als 3,6 Millionen Euro. Dafür können die Besucher jetzt hindurchgehen und die prunkvollen Stoffbahnen aus nächster Nähe bewundern: Jeder Zentimeter ist mit Ranken, Girlanden und anderen Ornamenten bestickt.
Soviel Tuchfühlung erlaubt die Ausstellung sonst nicht. Um die historischen Textilien zu schonen, wurden die Räume auf das Dämmerlicht einer Vollmondnacht herabgedunkelt. Dadurch können die rund 600 raffiniert beleuchteten Objekte in ihren verglasten Wandnischen umso verführerischer funkeln. Zumal ihre Fremdheit kaum durch Erklärungen erhellt wird: Die Beschriftung fällt äußerst sparsam aus. So ermöglicht das neueste Prunkstück der Dresdener Kunstsammlungen die Begegnung mit einer bizarren Spielart höfischer Repräsentationslust im Barock. Doch der «Kültüraustausch», den die Werbeplakate auch versprechen, bleibt aus.