Thomas Struths Fotografien zeigen in Riesenformaten die Komplexität der Welt. Zürich widmet ihm seine erste Retrospektive.
Unter den deutschen Fotografen der Gegenwart ist Thomas Struth einer der größten; vor allem wegen der Riesenformate seiner Arbeiten. Sie bringen gleich denen von Andreas Gursky, seinem Kollegen aus der Becher-Schule, Dinge zum Vorschein, die zuvor in dieser Form nicht erlebbar waren – und befriedigen damit die Schaulust des Publikums.
Thomas Struth:
Fotografien 1978 - 2010
bis 12. September täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs - freitags bis 20 Uhr in der Kunsthalle Zürich, Heimplatz 1, Schweiz
Katalog CHF 44,-
Nähere Informationen
vom 26. Februar bis 19. Juni 2011 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20, Grabbeplatz 5, Düsseldorf
Genau das macht die erste Struth gewidmete Retrospektive - die nach ihrem Auftakt im Kunsthaus Zürich in die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf wandern wird - zum Thema. Am Eingang hängt ein Fries aus Struths berühmtester Werkgruppe, den „Museumsbildern“. Vier Aufnahmen desselben Raums in den Uffizien verbinden sich zu einer monumentalen Comédie humaine der Spezies Kulturtourist.
Alle Bilder sind voller Leute. Was sie betrachten, bleibt unsichtbar. Doch sie führen die ganze Variationsbreite des Spektakels Museumsbesuch vor: Gekleidet in der globalen Einheitskluft der Freizeitgesellschaft aus T-Shirt, Shorts, Sportschuhen und Sandalen staunen sie, plaudern oder langweilen sich, nesteln sie an ihren Audioguides oder halten sich an ihren Kameras fest. Dieses Erscheinungsbild bleibt gleich, auch wenn die Schauplätze der Hochkultur wechseln – ob im Berliner Pergamon-Museum, dem Madrider Prado oder der National Gallery in London.
Solche Ähnlichkeiten spürt Struth auch andernorts auf, etwa in seiner Serie menschenleerer Stadtansichten. Bereits in seinen frühesten Schwarzweißaufnahmen, die um 1980 entstanden: Sie zeigen zweckmäßig-nüchterne Nachkriegsarchitektur, deren Tristesse kaum unterscheidbar ist, ob in Köln, Düsseldorf oder im belgischen Charleroi. Geradezu gespenstisch eintönig gerät die Gegenüberstellung von Bürovierteln in Frankreich und Japan, Neubauten in Südkorea und Wohnsilos in Nordkorea: Überall die gleiche Monotonie gerasterter Betonfassaden, über Kontinente und Systemgrenzen hinweg.
Angesichts der Eintönigkeit der Massenzivilisation hebt sich die Vergangenheit umso schärfer davon ab. Struths Fotografien von Kirchen, die er auf halber Gebäudehöhe aufgenommen hat - etwa Notre Dame oder San Zaccaria in Venedig - lassen ihren Bilder- und Skulpturenschmuck paradoxerweise lebendiger erscheinen als die wimmelnde Menschenmenge unter ihnen. Als hätten die unvergänglichen Kunstwerke ihr individuelles Eigenleben, während die Besucherströme spurlos verrauschen wie der Wind.
Doch Struth frönt keineswegs wohlfeiler Kulturkritik. Er macht vielmehr die Komplexität unserer Umwelt sichtbar – auch dort, wo sie als selbstverständlich angenommen und ignoriert wird. Das zeigt seine „Paradise“-Serie von Wäldern rund um den Planeten. Im Vergleich zu Luftwurzeln in Australien, Schlingpflanzen in Peru und Moosteppichen in Japan wirkt plötzlich auch die streng geometrische Ordnung von Nadelbäumen im Bayerischen Wald einzigartig. Andere Kontinente kennen derlei nicht.
Noch exotischer sind die Aufnahmen von Hochtechnologie-Standorten, die sonst dem Blick Außenstehender entzogen sind. Schwimmende Docks isländischer Werften, die Wartungshalle des Space Shuttle in Cap Canaveral oder das undurchschaubare Kabelgewirr eines Kernfusion-Forschungsreaktors im Max-Planck-Institut von Garching führen eine geheimnisvolle Welt der Technik vor: Sie bestimmt unser Leben, ohne dass wir sie kennten. Damit will Struth eine visuelle „Geschichte des menschlichen Ehrgeizes“ schreiben. Da wird ihm der Stoff so bald nicht ausgehen.