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Architektur

Spiegelbecken zur Seelenerfrischung
Foto: Martin Hesse / Department of Special Collections, Charles E. Young Research Library, UCLA
Richard Neutra ist der Erfinder des modernen Flachdach-Bungalows. Sein kaum bekanntes Spätwerk in Europa zeigt das MARTa Museum in Herford.

Rechte Winkel sind ziemlich in Verruf geraten. Sie gelten als Zeichen seelenloser Investoren-Architektur, die aus Profitgier noch den letzten Quadratmeter zubaut und ihn mit vorgehängten Kunststein-Fassaden oder ähnlichem Firlefanz kaschiert. So sehen die Resultate auch aus. Wer dagegen zugleich repräsentativ und umweltverträglich bauen will, der lässt heute gewagte biomorphe Gebäude in Anlehnung an Naturformen entwerfen. Für deren Planung und Ausführung sind aber Hochleistungs-Computer und -Technologien nötig.

Vor einem halben Jahrhundert war es umgekehrt. Die Propheten der Moderne versprachen «befreites Wohnen» wie Sigfried Giedion 1929: «Licht, Luft, Bewegung, Öffnung». Und die Verfechter des „International Style“ lieferten dazu das architektonische Vokabular: Rückgriff auf geometrische Grundformen wie Quadrat und Rechteck, Verzicht auf Dekor, Einbeziehung der Umgebung – und vor allem: Verwendung natürlicher Baustoffe wie Holz und Naturstein in traditioneller, handwerklich aufwändiger Verarbeitung. Die Fixierung auf das Bauhaus und seine Folgen verkennt, dass diese Bewegung auch andernorts florierte, ohne von Gropius' Genius beglückt worden zu sein.

Ein wegweisender Vertreter der vom Bauhaus unabhängigen Architektur-Moderne war Richard Neutra. Der österreichische Schüler von Adolf Loos wanderte schon 1923 in die USA aus, arbeitete dort kurz für Frank Lloyd Wright und machte sich bald selbstständig. Schon 1929 gelang ihm mit dem halb schwebenden Lovell «Health» House ein Meisterwerk; es war in der epochalen «Modern Architecture»-Schau 1932 im MoMa zu sehen. Die leichte Stützenkonstruktion mit vorstehendem Flachdach, großen Glasfronten und strahlend weißen Fassaden wurde zu Neutras Markenzeichen – und er zum gefragten Architekten für die Villen der Reichen und Schönen im sonnigen Kalifornien.

Doch 1960 kehrte er wieder nach Europa zurück. Hier fand der sendungsbewusste Neutra mehr Gehör für seine «biorealistischen» Prinzipien, die er 1954 im Buch «Survival through design» dargelegt hatte. Zunehmend abgestoßen von der gleichförmigen Massenfertigung der Konsumgesellschaft, propagierte er eine Baukunst, die sorgfältig auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Benutzer abgestimmt ist. Seine Auftraggeber ließ er lange Fragebögen ausfüllen, um ihre Lebensgewohnheiten genau kennen zu lernen. Ein zeitraubendes Verfahren: Bis zu seinem Tod 1970 konnte Neutra in Deutschland, Frankreich und der Schweiz nur noch zehn Projekte realisieren.
 

Foto: privatFoto: Department of Special Collections, Charles E. Young Research Library, UCLAFoto: unbekannt / Department of Special Collections, Charles E. Young Research Library, UCLAFoto: Department of Special Collections, Charles E. Young Research Library, UCLA
Während Neutras kalifornische Beiträge zum modernen Architektur-Kanon vielfach dokumentiert sind, blieb sein Spätwerk in Europa weitgehend unbeachtet. Das will eine Werkschau im MARTa Museum Herford ändern - dieser Ausstellungsort entbehrt nicht der Ironie.

Frank Gehrys dekonstruktivistischer Museumsbau ist ziemlich genau das Gegenteil dessen, wofür Neutra plädierte: Ein kugeliger, verwinkelter Klinker-Koloss, der sich demonstrativ gegen die westfälische Provinz ringsum abschottet. Doch MARTa-Direktor Roland Nachtigäller und Kurator Klaus Leuschel tragen dem Rechnung: Sie haben für die Schau einen Holz-Korpus in die Museumsräume eingebaut, der Neutras Stil folgt.


10.05.2010 Oliver Heilwagen
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