Kunst «aus der Kiste»: Die Kunsthalle Erfurt zeigt die wahrhaftigen Perspektiven der DDR-Fotografie.
Zwei Merkmale charakterisieren die unabhängige Fotografie der DDR, wenn man diese Erfurter Ausstellung zum Maßstab nimmt: Diese Fotografie war zugleich staatsfern und marktfern. Sie widerstand sowohl der Zensur in der DDR als auch den Verlockungen des westlichen Kunstmarktes, denn schließlich wurde sie nicht für den Verkauf in westlichen Galerien produziert. Ihre Waffe war die Tradition, eine Tradition der sozial engagierten Kunst, wie sie die Institution der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bot, die durchaus auch westliche Vorbilder wie Robert Frank oder Henry Cartier-Bresson einschloss. Zugleich standen die Fotokünstlerinnen und Fotokünstler, die an der HGB ausgebildet wurden und mitunter selber lehrten, ähnlich wie die engagierten Maler Heisig, Tübke oder Mattheuer gewissermaßen immer ein Stück außerhalb ihrer Zeit. Und das ist auch der Grund, weshalb sich diese Fotografie heute so gut eignet, um ein wahrhaftiges Bild vom DDR-Alltag jenseits der offiziellen Propagandabilder (Ost und West) zu zeigen.
Soweit also – zusammengefasst und zugespitzt – die Arbeitshypothese dieser groß angelegten Schau in der Erfurter Kunsthalle, die damit zunächst nicht weniger zelebriert als ein Kunstideal, etwas, das man übrigens im Nachkriegs-Westen oft versucht, aber nie wirklich erreicht hat. documenta-Leiter können ein Leid davon singen. Die historische Ausnahmesituation des Staatsozialismus eröffnete demnach einigen Künstlern eine Sonderrolle, in der sie ihre Autonomie nicht durch formale Abstraktion, nicht durch ein «l’art pour l’art» oder durch wildes Erweitern von Kunstbegriffen behaupten mussten, sondern indem sie das, was sie fotografierten in den Straßen und auf den Dörfern, einfach nicht veröffentlichten und, wie Evelyn Richter es einmal ausdrückte, «für die Kiste» produzierten.
Insofern erscheint es zunächst durchaus folgerichtig, die Leipziger Hochschule selbst in dieser Ausstellung nicht weiter zu thematisieren, ihre Strukturen, ihre Debatten und die Befangenheit der Traditionslehre zur DDR-Zeit, sondern sie einfach einmal wirken zu lassen durch die Bilder und deren historisches Gewicht. Denn auch das ist klar, in dieser Ausstellung geht es nicht vorrangig um Kunstdebatten, sondern eher um die Frage, wie die DDR wirklich war, jenseits der Propaganda. Und vielleicht hat sich die Bundeskulturstiftung bei ihrer Unterstützung des Projektes auch an solch pädagogischen Absichten orientiert, dass man in Ostdeutschland schließlich nie genug Ausstellungen stattfinden lassen kann, die die städtischen und menschlichen Verhältnisse der DDR-Zeit in einer Weise zeigt, die manchen «Aufbau Ost»-Kritiker dann vielleicht doch milder stimmen könnte.
Manches Bekannte, in letzter Zeit oft Gesehene findet sich unter den Exponaten. Arno Fischers Straßenfotografien aus dem noch kriegszerstörten Berlin in den fünfziger Jahren, Thomas Steinerts skurril anmutende Straßenfotografien aus dem Leipzig der achtziger oder die kühle und zugleich teilnahmsvolle Alltagsfotografie von Evelyn Richter aus den siebziger Jahren. Das sind neben Werner Mahler, Wolfgang C. Schröter, Helfried Strauß oder Gundula Schulze Eldowy die großen Namen, zweifellos herausragende, mitunter anrührende Gesellschaftsfotografie, die sich betont an westlichen Vorbildern wie Robert Frank oder dem unvermeidlichen Henri Cartier-Bresson orientiert und nach den Worten von Kunsthallendirektor Kai Uwe Schierz für diese Schau «Pflicht» war. Dazu gesellen sich die Arbeiten der nachfolgenden Generation wie die einer Tina Bara, Ute Mahler, Maria Sewcz, von Matthias Hoch oder Florian Merkel, die als neue Vertreter einer bis in die Wendezeit fortgesetzten Tradition präsentiert werden. Ihre Stile mögen individuell differieren, doch sie alle eint, so legt es die Ausstellung nahe, der unbefangene und unbestechliche Blick auf Menschen in ihren Lebensverhältnissen, mitunter auch auf «das Menschliche» an und für sich.