Transmediale 2010 – die Ausstellung «Futurity Now!» im Berliner Haus der Kulturen der Welt
Die Anfänge der transmediale liegen, was man ihr heute leider kaum mehr anmerkt, am Ende der achtziger Jahre als leicht trash-lastiges „VideoFilmFest“, das sich im Kontext der Berlinale vor allem als Forum für die damals sich ausbreitende Videokunst verstand. Ihren heutigen Namen erhielt die transmediale erst Ende der neunziger Jahre, in der Blütezeit der medienkritischen Netzwerke und der politischen Netzaktivisten, um deren Beiträge das Programm seit den frühen Neunzigern bereichert worden war. „Transmedial“ stand als Programm für die Grenzüberschreitung zwischen den Medien, alten und neuen, im Zeitalter des Internets, als Ausdruck von dessen unbegrenzter Freiheit – Software wurde zur neuen „sozialen Architektur“ erklärt, und die transmediale bot ein durchaus gesellschaftsfähiges Forum für alle alternativen Netzstrategien jenseits der Kommerzialisierung.
Ihre Workspaces kokettierten dabei äußerlich mit den Bastelecken von Hackermeetings und LAN-Parties, gaben sich konspirativ als Tauschbörsen für netzbasierte Subversion und pflegten inhaltlich die charakteristische Mixtur aus Technomaoismus, Chaostheorie und Menschenrechtsaktivismus, ohne den Rahmen der Legalität allzu weitläufig auszutesten. Aus diesen Tagen bezieht die transmediale ihren guten Ruf und durchaus auch ihre Autorität vor allem in der Video- und Neue Medien-Szene. Der alljährlich ausgeschriebene und unter nominierten Beiträgen ermittelte transmediale Award gilt gerade bei jungen Künstlern immer noch als Gütesiegel, durch das man im gesamten Kunstbetrieb auf sich aufmerksam macht.
Wenn man die Geschichte des Festivals heute in den blankgeputzten Hallen des Hauses der Kulturen der Welt erzählt, erntet man dafür bei den Zuhörern freilich immer wieder erstaunte oder belustigte Blicke. Ja, denn die transmediale ist schließlich immerhin im Showroom der Auswärtigen Kulturpolitik der Bundesregierung angekommen, ihr Publikum ist beileibe keine Peer Group mehr, und damit findet sich die Veranstaltung zugleich im Hamsterrad der klassischen Kulturförderung wieder. Wir schreiben das Jahr 2010, und die einstige Zukunft der digitalen Welt liegt hinter uns. Jene Zukunft, die einst vielleicht etwas vom subversiven Geheimnis dieses Festivals ausgemacht hat, hat dasselbe längst ein-, wenn nicht überholt.
Netzwerke sind offenkundig keine konspirativen Angelegenheiten mehr, sondern Teil der Banalität des Bösen, heißt: der Massen- und Konsumkultur. Die Generation Twitter versteht nicht mehr, was an Mailinglisten zur Entlarvung von Werbestrategien von Großkonzernen im Internet noch sexy sein soll. Die neuen Gadgets der Hardwarehersteller zielen auf die computerfernen Gesellschaftsteile, und der Graben zwischen diesen und all den schratigen alten Kämpfern, die die Versendung ihrer E-Mails bis heute demonstrativ in html selbst programmieren (wofür es auch einmal Workshops auf der transmediale gab), könnte tiefer kaum sein.