07.02.2010, Darmstadt: Auf der Mathildenhöhe Darmstadt wird die Ausstellung mit Werken von Joseph Maria Olbrich eröffnet. In einer Retrospektive wird der «große Erneuerer der Architektur und Lebensgestaltung um 1900» erstmals seit 27 Jahren umfassend präsentiert.
Karl Friedrich Schinkel oder Erich Mendelsohn, Mies van der Rohe, Hans Poelzig oder Alfred Messel – in den letzten Jahren wurden viele Architekten in großen Austellungen neu entdeckt, die für die Moderne von Bedeutung waren, deren Werk man zum Teil kanonisch gesichert glaubte, die jedoch noch einmal in ein neues Licht gerückt wurden.
Die Gründe dafür liegen auf der Hand: zum einen war es die beispiellose Debatte um die Berliner Hauptstadtarchitektur und auch über die Wiederherstellung der ostdeutschen Städte seit den frühen neunziger Jahren. Zum anderen aber vor allem der leichtere Zugang zu Archiven. In Ostdeutschland, aber auch in Polen, Tschechien oder dem Baltikum befinden sich wichtige Bauten zahlreicher deutscher Architekten der klassischen Moderne, die erst wieder ins Bewusstsein der Forschung gelangt sind, seit man sie oder ihre ehemaligen Standorte mühelos wieder aufsuchen kann. Dadurch hat sich seit der Wiedervereinigung das Bild der Moderne, wie es früher im Westen gepflegt worden war, nachhaltig verändert. Das Bauhaus etwa, diese Ikone des kreativen demokratischen Weltgeistes, erhielt so sein geistiges Hinterland zurück, wodurch manches, was zuvor als geniale Eigenschöpfung galt, als eklektizistische Aneignung früherer Ideen erkennbar wurde, deren künstlerisches Potenzial dem Bauhaus in nichts nachstand.
Die Ausstellung zu Leben und Werk von Joseph Maria Olbrich auf der Mathildenhöhe gehört in diese Reihe der Neuentdeckungen, sie ist ein herausragendes Beispiel für die Veränderung in den Beurteilungen von Werken, die bislang jenseits der großen Deutungsschneisen der Moderne lagen - auch wenn Olbrich weder direkt mit der Berliner Architekturdebatte noch mit einem vergessenen mittel- oder osteuropäischen Oeuvre zusammenzubringen ist.
Zu Zeiten der letzten Olbrich-Retrospektive vor 27 Jahren galt dieser noch eher als ein versprengter Jugendstilarchitekt, der es nie so recht geschafft hatte, in Deutschland, wo er den größten Teil seines Lebens verbracht hatte, Fuß zu fassen. „Olbrich starb früh im Jahr 1908, mit vierzig Jahren, an Leukämie. Danach ist sein Werk überrollt worden von der Welle erst des klassizistischen und dann des modernen Bauens. Später hat man ihn nur noch als Ornamentiker gesehen, und das war ein großer Irrtum“, sagt Ralf Beil heute. Dem Direktor des Instituts Mathildenhöhe mag man vielleicht auch ein Eigeninteresse unterstellen, das Gebäudeensemble der einstigen Darmstädter Künstlerkolonie, das ganz wesentlich von Olbrich mitgestaltet wurde, in den Blickpunkt zu rücken. Doch diese Ausstellung, die von der Mainzer Kunsthistorikerin Regina Stephan mit detektivischer Akribie recherchiert und konzipiert wurde, fördert so viele kleine Neujustierungen aus den Archiven zu Tage, dass man in der Summe tatsächlich von einer Umkehrung bisheriger Wertungen sprechen kann.
Schon länger war bekannt, dass das Gebäude der Wiener Secession nicht von Olbrichs großem Wiener Mentor Otto Wagner stammt, dem man es vermutlich aus reiner Geringschätzung für Olbrich zugeschrieben hatte, sondern von diesem selbst. Diese erste moderne Kunstausstellungshalle im Stil eines heute so genannten „White Cube“ bildet 1897 den Auftakt einer geradezu unheimlichen, zehn Jahre währenden Phase der Produktivität Olbrichs, in deren Verlauf er nach Darmstadt auf die Mathildenhöhe wechselt und dort, von seinem Gönner, dem Landesherzog Ernst Ludwig als führender Kopf der Künstlerkolonie installiert, den Wiener Jugendstil hinter sich lässt und zahlreiche Ideen und Gedanken der Moderne antizipiert, die sich eigentlich später mit anderen Namen verbinden.