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Ausstellung

Schleife um eine Bombe
Foto: Banco de México Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F. / VG Bild-Kunst, Bonn 2010
Die Retrospektive in Berlin zeigt mehr Bilder von Frida Kahlo als je zuvor: Postermotive enthüllen ihre Sprengkraft.
Arme Frida Kahlo! Keine Künstlerin des 20. Jahrhunderts ist von der Kitsch-Industrie so vereinnahmt worden wie die mexikanische Malerin. Nach ihrer (Wieder-)Entdeckung in den 1980er Jahren mutierten ihre Bilder binnen kurzem zu Poster- und Postkartenmotiven; dazu luden ihre farbenprächtigen, vermeintlich naiven Gemälde förmlich ein.
 
Und Feministinnen beschworen sie als Galionsfigur weiblicher Kreativität und Selbstbestimmung – mit Blick auf ihr berührendes, von Krankheit und Liebesleid gezeichnetes Schicksal. Ihre Selbstporträts als Schmerzensmutter boten dafür die ideale Projektionsfläche. 
 
An diesen Frida-Ikonen kommt auch die Berliner Retrospektive nicht vorbei. Aber sie geht weit darüber hinaus: Mit 60 Gemälden und 90 Zeichnungen sind mehr Bilder an einem Ort versammelt als je zuvor. Kahlos schmales Werk zählt nur 160 Gemälde, die über die ganze Welt in zahlreichen Privatsammlungen verstreut sind. Erst in der Zusammenschau wird deutlich, wie sehr sie sich und ihre Kunst inszeniert und stilisiert hat. Aber auch, wie komplex und anspielungsreich ihre Symbolik ist, die sich leichtfertigen Interpretationen verweigert.
 
Klugerweise beginnt die Ausstellung mit rund fünfzig Porträtfotos, die ihre Großnichte Christina Kahlo ausgewählt hat. Auf diesen Aufnahmen sind alle Konstanten zu finden, die auch Kahlos Bilderkosmos bestimmen: die aufwändige Kostümierung in traditioneller Tracht mit bunt geschmückten Steckfrisuren, die stolze Haltung im Halbprofil, der frontale, durchdringende Blick. Kahlo war das Posieren vor der Kamera vertraut: Ihr Vater war professioneller Fotograf, ihr Neffe wurde es. Und zeitlebens verschenkte sie gern Porträts an alle, die ihr nahe standen, oft mit der Widmung: „Damit Du mich nicht vergisst…“.
 
Der Selbstvergewisserung diente dagegen ihr gemaltes Tagebuch, das sie in den acht Jahren vor ihrem frühen Tod 1954 führte. Es enthält viele der privaten Chiffren, die sie in ihre Gemälde einflocht, quasi im Rohzustand: Etwa Mond und Sonne als Zeichen für sie und ihren Mann Diego Rivera, deren jeweilige Himmels-Konstellation den aktuellen Stand ihrer turbulenten Beziehung anzeigen.
 
Oder Elemente der buddhistischen Ikonographie, derer sie sich ausgiebig bediente. Kahlo liebte es auch, ihre Bilder mehrfach zu codieren, indem sie spanische Redensarten wörtlich nahm und als Objekte drapierte: ein hohler Kürbis für einen Dummkopf, eine Motte für eine Schmarotzerin.
 
Die Verwendung von Dekor als Kommentar entlehnte sie der Bildtradition der Renaissance. Brueghel und Bosch regten sie zur unbefangenen Verwendung grotesker und fantastischer Figuren an. Mit erstaunlicher Drastik.
 
Das kleinformatige Gemälde «Henry Ford Hospital» – wo Kahlo 1932 eine Fehlgeburt erlitt – zeigt sie nackt auf einem Krankenbett, umringt von sechs Objekten: einer Schnecke, einem Fötus, einem Unterleibs-Modell, einer Maschine, einer abgebrochenen Blüte und einem weiblichen Beckenknochen.
 
Derlei beeindruckte André Breton, der ihr zu einer Ausstellung in Paris verhalf und sie für den Surrealismus reklamierte. Doch Kahlo lehnte das ab; sie schöpfte nicht aus dem Unbewussten, sondern aus ihrer Umgebung.
 
Foto: Banco de México Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F. / VG Bild-Kunst, Bonn 2010Foto: Banco de México Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F. / VG Bild-Kunst, Bonn 2010Foto: Banco de México Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F. / VG Bild-Kunst, Bonn 2010Foto: Banco de México Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F. / VG Bild-Kunst, Bonn 2010
Bei der Entschlüsselung helfen im Gropiusbau ausführliche Legenden, die vor den Bildern auf kleine Rampen montiert sind – eine Innovation, die Schule machen könnte, weil sie für gute Lesbarkeit und Sicherheitsabstand sorgt. Denn jenseits seiner Vermarktung geht von diesem Werk immer noch eine ungebrochene Sprengkraft aus, die Breton in die Worte fasste: «Die Kunst der Frida Kahlo ist eine Schleife um eine Bombe.» 
 

27.04.2010 Oliver Heilwagen
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Betreff:
Kunst
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