Außergewöhnliches Projekt in Berlin-Mitte: In der «72h Gallery» wird 36 Stunden Kunst produziert und anschließend 36 Stunden ausgestellt.
Gemeinhin sind Künstler freie Geister, die sich weder von Zeit, Geld oder Konventionen in ihren Schaffensphasen begrenzen lassen wollen. Nach einem völlig anderen Konzept funktioniert die Aktion, die am Wochenende in Berlin Raum und Zeit findet: Unter Hochdruck müssen Kunstwerke entstehen. 36 Stunden haben die Künstler Zeit, um kreativ die Räume einer Galerie zu füllen. Genauso viel Zeit wird dem Publikum hinterher gegeben, um die Kunst zu begutachten und gegebenenfalls auch zu kaufen.
Vor der Aktion. Donnerstag, 04.02.2010.
Dieser Herausforderung stellen sich an diesem Wochenende die zwei Künstler von «44flavours», Julio Rölle und Sebastian Bagge. Die beiden Graphikdesigner kennen sich mit Deadlines aus und haben keine Angst, dass ihnen in 36 Stunden Kreativzeit die Inspiration ausgehen könnte. «Wir arbeiten gerne unter Druck und sind gespannt, was alles entstehen wird», so Julio Rölle.
Keine Angst also vor der weißen Wand? Julio Rölle: «Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre ein Sturz auf dem Weg zum Künstlermarkt, wo wir das Material einkaufen. Wenn ich eine Gehirnerschütterung habe, kann ich nicht mehr mitmachen». Sebastian Bagge wirft ein: «Deshalb sind wir ja zu zweit und ich bleibe im sicheren Atelier.»
Wenn also keine Ausrutscher passieren, arbeiten die beiden von Freitag, 10 Uhr bis Samstag, 18 Uhr in der Ex-Shanti-Galerie in Berlin-Mitte. Sie haben sich so viel Material wie möglich bereitgestellt, um die eigene Schaffenskreativität anzuregen. Der Zeitdruck wird für die Künstler zum Teil der Kunst: «Die ganze Aktion ist Kunst, ist eine Performance. Die Zeit wird zum Medium», erklärt Sebastian Bagge.
Aktuelle Videos und Fotos der Aktion in Berlin finden Sie hier und auf der Homepage von 72h Gallery .
Mehr über die Künstler 44flavours können Sie hier nachlesen.
Die Idee zu diesem außergewöhnlichen Happening stammt von Kai Klinke aus Hamburg. Dort fand im letzten Jahr die erste «72h Gallery» statt. Den Erlös spendet er «Licht für die Welt», weil ihm das Konzept für die Aktion im Krankenhaus eingefallen ist, als er am Auge operiert wurde.
«Ich lag dort zwei Wochen lang und habe über mein Leben nachgedacht. Habe mir überlegt, was ich schon immer mal machen wollte. Ich wollte herausfinden, wie Künstler mit Zeitdruck umgehen», meint der Film-Producer, der normalerweise mit Kunst wenig zu tun hat. Er selbst kennt von sich, dass Deadlines kreativer machen können, weil man unter Zeitnot anders denkt, neue Wege erprobt. Deshalb organisiert er diese Projekte, springt in die ungewohnte Rolle des Kurators. «Man denkt immer, man hätte neben dem Job keine Zeit für so etwas. Aber man hat viel Zeit». Er hat weitere fünf bis sechs Aktionen in verschiedenen deutschen Städten geplant und sucht deshalb Künstler, die sich der Herausforderung, gegen die Uhr zu arbeiten, stellen wollen.
Auf kultiversum erfahren Sie in den nächsten Tagen, wie die 36-stündige Arbeitsphase und die folgende Präsentation verlaufen sind.
Samstag, 06.02.2010: Wenn man sich von außen der Ex-Shanti-Galerie nähert, erscheint das fünfstöckige Gebäude von einem sich drehenden Farbkreisel ausgefüllt zu sein. Die Lichtinstallation des Künstlers Daniel Siemer (Roomdevision) lässt alle Fenster des Hauses in wechselnden Farben erstrahlen, die einem eigenen Rhythmus zu folgen scheinen.
Die kleinen Räume der Galerie sind angefüllt mit Menschen, die die «schnellen» Kunstwerke betrachten, diskutieren. Erstaunen und Bewunderung liegen in der Luft für die zwei Künstler, die eine komplette Ausstellung an zwei Tagen kreiert haben. Die Wände sind bedeckt mit Collagen, Siebdrucken auf Postern und Glasscheiben, farbigen Holztafeln und Objekten aus alten Möbeln.
Sebastian Bagge und Julio Rölle sind erschöpft nach einer fast durchgearbeiteten Nacht. Der Andrang der Menschen überrascht sie. «Die Atmosphäre ist angenehm, es sind völlig unterschiedliche Leute gekommen und alles durchmischt sich, das ist schön», fasst Sebastian Bagge den Abend zusammen. Insgesamt sechs Werke werden im Laufe des Abends verkauft, um 02.00 Uhr ziehen die letzten Besucher in die kalte Berliner Nacht hinaus. «Dass trotz Eis und Schnee etwa 250 Leute gekommen sind, ist toll», freut sich Initiator Kai Klinke.
Opening und Vernissage. Samstag, 06.02.2010.
Noch bis Sonntagabend haben Kunstinteressierte die Chance, in der Ex-Shanti-Galerie Werke zu betrachten, die in nicht mehr als 36 Stunden entstanden sind. Zur Finissage legen Bensky und Sneaky auf, und es gibt Glühwein.
Ex-Shanti-Galerie, Reinhardstr. 7, Berlin Mitte
Samstag, 06.02.2010, 20.00 Uhr: Vernissage
Sonntag, 07.02.2010, ab 12.00 Uhr: Ausstellung & Finissage