Der Doyen der «Leipziger Schule» ist in der Mitte der Berliner Republik angekommen: Er wird im Kunst-Raum des Bundestags ausgestellt. Die Schrecken der Geschichte, die Heisig in seine Bilder packt, erleben Besucher am eigenen Leib.
Beschreibung:
Seitdem der Innenminister vor Terror gewarnt hat, ist der Kunst-Raum des Bundestags die am besten bewachte Galerie im ganzen Land. Eintritt nur zwei Mal am Tag nach vorheriger Anmeldung mit Namen und Geburtsdatum; vor Ort folgen Ausweiskontrolle, Sicherheits-Schleuse und Röntgen-Check wie am Flughafen. Dann darf man ins Marie-Elisabeth-Lüders-Haus.
Bernhard Heisig:
Das große Welttheater
03.12.2010 - 13.03.2011
täglich außer montags 11 - 17 Uhr im Kunst-Raum des Bundestags, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Adele-Schreiber-Krieger-Straße 1, Berlin; Eintritt frei.
Nähere Informationen
und Anmeldung
Zur Belohnung wird man dort liebevoll betreut. Studentische Assistentinnen des Kunst-Referats geleiten alle Gäste charmant ans Ziel und führen auf Wunsch auch durch die Räume. Sie bedauern selbst die Zugangsbeschränkung: Derzeit kämen täglich allenfalls ein Dutzend Besucher, zuvor waren es 30 bis 50. Da konnte noch jeder Passant spontan reinschauen.
Das ist nicht viel für eine Ausstellung von Bernhard Heisig. Als zentrale Gestalt des DDR-Kulturlebens hat er dessen Wirrnisse alle miterlebt: Einerseits Parteimitglied und Hochschul-Rektor in Leipzig, andererseits auch unbotmäßig und im Clinch mit der Bürokratie. Noch 1998 war umstritten, ob er einen Beitrag zur Ausgestaltung der neuen Parlamentsgebäude liefern dürfe. Er durfte: Sein Monumentalwerk «Zeit und Leben» schmückt jetzt die Cafeteria.
Video-Impressionen der Ausstellung
Um dessen Vorstudien ist diese Schau von 31 Gemälden aufgebaut. Sie dokumentieren, wie der Maler unentwegt Bildelemente tilgt und neu ansetzt. Heisig ist besessen von der deutschen Geschichte, deren Krisen und Katastrophen er in alptraumartige Collagen bannt – die Teile dieser Geschichte geworden sind.
Sein «Ikarus» hing ab 1976 im Palast der Republik in Ostberlin. Nach zehn Jahren im Depot ist das Bild erstmals wieder zu sehen: der Turm von Babel und Bismarck, abstürzende Kampfflieger und ertrinkende Spartakus-Aufständische. Dass Heisig diese Untergangs-Vision den SED-Bonzen für ihr Aushängeschild andrehen konnte, erstaunt noch heute. Hat er ihnen weisgemacht, sein sozialistischer Ikarus erringe einen futuristischen Sieg über die Sonne?
Gottlob wird nicht nur der Großkünstler vorgeführt, der mit den Dämonen der Historie ringt, sondern auch der vielseitige Porträtist (u.a. von Helmut Schmidt), Beobachter des Landlebens in Brandenburg und Schöpfer surrealer Szenerien. So verlässt man anders als bei der großen Heisig-Wanderausstellung «Die Wut der Bilder» 2005/6 diese kleine Werkschau nicht depressiv, sondern heiter gestimmt.