22.02.: Filme, Themen und Höhepunkte: Die kultiversum-Bilanz der 60. Berliner Filmfestspiele.
Snow sells. Wenn die Berlinale im Dauerfrost zu erstarren droht, hat ein Film aus dem ewigen Eis einen klaren Wettbewerbsvorteil: Er wirkt so lebensnah. Daher verwundert kaum, dass der russische Beitrag „How I Ended This Summer“ über die Besatzung einer Polarstation zwei Silberne Bären für die besten Darsteller und die beste Kameraführung einheimste. Gäbe es noch einen Bär für den besten Drehort, hätte er auch den bekommen. Ebenso wenig erstaunt, dass der Goldene Bär an „Bal“ („Honey“) aus der Türkei ging: Der Film spielt in den üppig grünen Wäldern einer entlegenen Gegend in Anatolien. Damit bebildert er prächtig die kollektive Sehnsucht des Publikums nach dem Frühling.
Die Atmosphäre des Festivals spiegelt aber nicht nur der Schauplatz von „Bal“, sondern auch seine Handlung perfekt wider: Mutter und Sohn suchen nach dem Vater, der im wuchernden Dickicht verschwunden ist. Der Stellenwert der Familie war das überragende Global-Thema der Berlinale 2010. Sei es als Loblied auf segensreiche Blutsbande wie in „En Familie“ aus Dänemark und dem japanischen Abschlussfilm „About Her Brother“ oder auf die postmoderne Patchwork-Familie wie in „Greenberg“ aus den USA und dem franko-amerikanischen Beitrag „The Kids Are All Right“; sei es als Wunsch nach Gründung einer Familie im Eröffnungsfilm „Apart together“ aus China oder als Schmerz über ihren Verlust in „On The Path“ aus Bosnien und „The Hunter“ aus dem Iran.
Die wenigsten Wettbewerbs-Beiträge kamen ohne verwickelte Verwandtschaftsverhältnisse aus. Und wer sich nicht auf seine Angehörigen verlassen kann, dem dient der Freundeskreis als Ersatzfamilie: Etwa die in alle Winde verstreuten Kumpels aus Studententagen, die dem Helden von „Golden Slumber“ aus Japan zur Flucht vor der Polizei verhelfen. Oder zumindest eine Mafia-Bruderschaft wie in „Monga“ aus Taiwan, die den Nachwuchs-Mobstern zu überleben hilft.
Dass man sich seine Verwandten nicht aussuchen kann und ihrer dennoch bedarf, ist keine neue Einsicht. Wie einmütig aber Filmemacher in aller Welt die Familie als Bollwerk und letzte Zuflucht vor den Zumutungen des Daseins darstellen, ist bemerkenswert. Hier kommt eine Globalisierung auch der Seelennöte zum Vorschein, die bislang wenig beachtet wurde. Es ist eben nicht gut, dass der Mensch allein bleibt: Die gewalttätigen Einzelgänger, die den diesjährigen Wettbewerb ebenfalls in Scharen bevölkern, nehmen allesamt ein schlimmes Ende.
Mal wecken sie Mitgefühl, wenn sie den Tod ihrer Familie rächen wie „The Hunter“; mal Faszination, wenn sie Untaten so diszipliniert durchziehen wie „Der Räuber“ sein Lauftraining; mal nur noch Abscheu, wenn sie metzeln wie der psychopathische Lustmörder in „The Killer Inside me“. Aber sie scheitern ausnahmslos: Die Absage des Kinos an individualistische Alleingänge könnte apodiktischer kaum ausfallen. Widerstand des Einzelnen gegen die bestehende Ordnung, und sei sie ungerecht oder unerträglich, ist scheinbar zwecklos – zumindest auf der Leinwand.