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Kultur-Köpfe
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Die Befreiung von der Musik

Beruf: Tänzer, Choreograf
16. April 1919 - 26. Juli 2009

Schlaglichter: 1942-1947 Solist in der Martha Graham Dance Company, 1953 Gründung der Merce Cunningham Dance Company, 1999 Dokumentarfilm „Merce Cunningham: A Lifetime of Dance“

Zusammenarbeit
u. a. mit John Cage, Robert Rauschenberg, David Tudor

Auszeichnungen (Auswahl): Praemium Imperiale 2005, Dorothy and Lillian Gish Prize 2000, Goldener Löwe der Biennale Venedig 1995, National Medal of Arts 1990, Laurence Olivier Award 1985, Chévalier des Arts et des Lettres 1982

Arbeiten
(Auswahl): The Seasons (1947), Septet (1953), Minutiae (1954), Antic Meet (1958), Crises (1960), Signals (1970), Sounddance (1975), Squaregame (1976), Travelogue (1977), Duets (1980), Inventions (1989), Signals (1994), Beach Birds (1991), Change of Address (1992), Events (1995), Scenario (1997), BIPED (1999), Split Sides (2003), Views on Stage (2004), eyeSpace (2006, neue Fassung: 2007), Nearly Ninety (2009)
 

„Bei Merce war die Devise: Immer mit der Offenheit und Neugier eines Anfängers an die Arbeit gehen“ - Susan Quinn

„Nur die Bewegung an und für sich, sie allein steht im Zentrum des Interesses des am 16. April 90 Jahre alt werdenden Merce Cunningham“, beschreibt Elisabeth Nehring die Arbeit des großen amerikanischen Choreografen, der knapp drei Monate nach seinem 90. Geburtstag gestorben ist.

Nach seinen Lehrjahren bei Martha Graham hatte Cunningham 1953 im Umfeld des von Bauhaus-Emigranten geprägten Black Mountain College seine eigene Company gegründet. Eine besonders intensive Zusammenarbeit verband ihn in den darauf folgenden Jahren mit seinem Lebenspartner, dem Komponisten John Cage, mit dem gemeinsam er das Verhältnis von Tanz und Musik auslotete und das bisherige Verständnis dieses Verhältnisses gründlich durcheinanderbrachte.

Sein Leben lang, auch nach Cages Tod, sollte dieses Thema - neben Cunninghams „Interesse am Alltag, das sich zum Beispiel darin ausdrückte, dass er auf der Bühne gerne mehrere Punkte des Geschehens hatte, wie es ja auch im Leben nie nur einen „Erzählstrang“ gibt“ (MJ Thompson) -  Leitfaden bleiben. So merkt Thomas Hahn 2006 über Cunninghams vorletzten Abend „eyeSpace“ an: „Merce Cunninghams Befreiung von der Leitfunktion der Musik für den  Tanz strebt nicht nur immer weiter nach Vollendung. Sie gibt auch dem Publikum mehr und mehr Freiheiten. Damit wächst allerdings  auch die Freiheit des Publikums, eben jenen Bezug zwischen Musik und Tanz zu restaurieren, der laut Cunningham der Vergangenheit angehört.“

Was den Tanz angeht, so verlangte Cunningham von seiner Kompanie extremes, „besonders seit er einen speziell auf ihn zugeschnittenen, in der letzten Version „Dance Forms“ genannten Tanzcomputer benutzte, dessen Bewegungsvorschläge im Ballettsaal auf ihre physische Realisierbarkeit überprüft wurden.“ Grundsätzlich ging er davon aus, „dass jeder Körperteil ein Bewegungszentrum und jeder Punkt im Raum dessen Mittelpunkt sein könne.“ (Eva-Elisabeth Fischer)

Zwei Jahre nach seinem Tod spätestens müsste Schluss sein mit der Company, verfügte Merce Cunningham. Überhaupt kümmerte er sich sehr intensiv um sein Erbe: Mit „Merce Cunningham: A Lifetime of Dance“ gestaltete er 1999 einen Film über sein Lebenswerk mit, und in der 2007 begonnenen Lernvideo-Reihe „Mondays with Merce“ dokumentierte er seinen Unterricht für die tanzwütige Nachwelt - um seine Technik weiterzutragen, die, laut Elisabeth Nehring, darauf abzielt, „dem Tänzerkörper auch das Ausführen „unbekannter“ Bewegungen zu ermöglichen.“


 

Sophie Diesselhorst / Foto: Mark Seliger

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