«Das kultiversum spricht» – die tägliche Kolumne der Redaktion: die Woche vom 11. bis zum 17. Juni.
Sie sehen aus wie die kleinen Pfeifen, die allen Beteiligten an Karneval und auf Kindergeburtstagen den letzten Nerv rauben. Doch statt Krach gibt der LeWhif ein schokohaltiges Aerosol an den Mundraum des Benutzers ab.
Voller Geschmack, keine Kalorien, eine Essensrevolution gar – und auch noch von einem waschechten Harvard-Professor erfunden.
Die Bedienung des LeWhif erscheint simpel: In den Mund damit, kräftig einatmen und ein Traum von Schokolade soll sich auf den Geschmacksknospen ausbreiten. Die Schokopartikel sind laut Hersteller zwar zu klein, um dick zu machen – aber auch zu groß, um beim Einatmen der Lunge schaden zu können.
Kreiert wurde diese skurrile Art der Nahrungsaufnahme vom Harvard-Professor David Edwards. Er stellte fest, dass wir Essen nicht mehr zu festen Zeiten konsumieren, sondern wann es uns beliebt – fast so wie atmen. So entstand die Idee von LeWhif.
Für kalorienbewusste Naschkatzen oder technikfaszinierte Trendsetter mag das die neue Alternative zum klassischen Lutschen-Kauen-Schlucken sein...
16.06.: Wohn-Karaoke mit Möbelpop
Wer wollte nicht schon mal eine Führung durch die größten Schränke der Welt machen? Oder Wohnkaraoke auf nagelneuen Doppelbetten und Slam-Poetry auf dem Sofa veranstalten? Denn Wohnen ist nicht gleich Wohnen. Und da Wohnen von Wohlfühlen kommt, muss man der Sache vielleicht mal anders auf den Grund gehen, nämlich mit Action und Entertainment.
Exkursions-Entertainment nennt sich die Veranstaltungsreihe «Die Wahrheit übers Wohnen», die sich diesmal ins Möbelhaus «habitat» verirrt hat. Sie will prüfen, ob Feng-Shui wirklich so Hui oder einfach nur Pfui ist und in einer Art Massenversteckspiel, oh wie kuschelig, Möbel von innen und unten testen.
Und das alles pantomimisch und in einem lautmalerischen Vortrag. Szene-Stars werden in der «habitat»-Filiale in Hamburg am 16. Juni für das richtige Möbel-Ergründeln sorgen: der Schriftsteller Tilman Rammstedt, Ingeborg-Bachmann-Preisträger und Experte für fernöstliche Wohnpraktiken, hat schließlich nicht nur in seinem Buch über den Kaiser von China das Sujet des Wohnens als roten Faden angewandt. Auch seine neuen Texte handeln vom Leben in Lofts, von Couchen und Beistelltischen.
Der musizierende Lyriker Nils Koppruch hat schließlich den Möbelpop salonfähig gemacht mit dem typischen Trend für diese Musikrichtung: weg vom Gefühl hin zum Material mit Liedern über melancholische Sideboards und euphorische Nierentische. Tatkräftig unterstützt werden sie von Sven Amtsberg, diesem altbackenen Recken des Führungs-Entertainments und literarischen Nomaden, der seit nun bald zehn Jahren durch Stadtteile, Museen, Bezirksämter und Intimsphären führt.
So erfährt man auch, wie die ersten Menschen wohnten - und was das Kametakt für ein Möbelstück ist, wollte man ohnehin schon immer mal wissen!
15.06.: Kontrastprogramm
Sie möchten zur Abwechslung mal wieder was anderes als grünen Rasen und schwitzende Männer auf Ihrem Fernsehbildschirm sehen? Dann begeben Sie sich doch mit der dänischen Krimiserie «The Killing», die arte noch bis zum 20. Juli ausstrahlt, ins kalte Kopenhagen.
Die Bürgermeisterwahlen stehen bevor, und es geschieht ein Mord. Das Opfer: eine hübsche Fünfzehnjährige. Gefunden wird sie in einem Auto, das zur Flotte des schneidigen Spitzenkandidaten der Linken gehört. Die zwei Ermittler, die den Fall übernehmen, könnten gegensätzlicher nicht sein.
Auch die anderen Zutaten der Erfolgs-Serie, deren Folgen jeweils einen Ermittlungstag abbilden, sind eher konventionell - doch das unprätentiös gute Drehbuch und die größtenteils glänzenden und vor allem: glänzend zusammen gecasteten Darsteller machen «The Killing» zur Fernseh-Droge mit hohem Suchtfaktor.
Heute abend um 22 Uhr laufen Folgen 9 und 10 von insgesamt 20.
14.06.: Auftakt zum Wintermärchen
Auf der anderen Seite der mehr oder weniger kugelrunden Erde ist derzeit Winter. Und so hofft die Nation in diesen Tagen bekanntlich auf ein Wintermärchen, dass das längst sprichwörtliche Sommermärchen fortschreibt. Zum ersten deutschen Spiel heute abend dürfte auch der Kulturbetrieb, der sich durch die letzten Wochen vor der Spielzeitpause schleppt, einen ersten deutlichen Besucherrückgang spüren. Denn seit der WM vor vier Jahren schätzen ja nun auch Fußballhasser und -skeptiker zumindest Stimmung und Getränkeauswahl, Dramatik und Inszenierung beim Public Viewing.
Wer in den nächsten Wochen also Berufsleben, Haushalt, kulturelle Inspiration, passiven Ballsport und auch noch die Partnerschaft halbwegs auf die Reihe bekommen will, benötigt fast schon übernatürliche Logistikfähigkeiten. Eine gute Unterstützung bietet da der wohl beste WM-Planer im Internet, programmiert von der spanischen Sportzeitung Marca.
Dass die Ausrichtung einer Weltmeisterschaft insbesondere für Afrika dabei auch ein kulturelles Phänomen ist, erfahren wir ja derzeit in den unzähligen Reportagen des öffentlich-rechtlichen Rahmenprogramms. Sehr schöne und sehr subjektive Betrachtungen liefern auch die beiden jungen Berliner Journalisten Christian Frey und Kai Schächtele, die derzeit auf eigene Faust von Kapstadt nach Johannesburg durchs Land reisen und hinter die Kulissen der WM schauen. Auf ihrer Internetseite www.wintermaerchen2010.de kultivieren sie unter anderem die spannende Form der «Audio-Slideshow», einer Art Radioreportage mit Fotoeindrücken. Die beiden versuchen sich übrigens auch am «Paid Content»: Wer die Geschichten schätzt, darf via PayPal gerne dafür bezahlen. Bislang haben sie so 450 Euro für ihre Reisekasse zusammenbekommen.
12.06.: Filme mit Mottenflügeln
Nun fängt die visuelle Durststrecke wieder an. Vier Wochen lang wird ein Großteil der nicht erblindeten Menschheit auf grasgrüne Mattscheiben starren, auf denen bunte Punkte hin- und herflitzen. Wem das wie mir zu langweilig ist, der hat wenig Alternativen. Meinen Fernseher habe ich schon vor Jahren ausgeschaltet; Freiluftkinos zeigen nur zugkräftige Kassenschlager, die Cinephile längst gesehen haben, und im Hochsommer bringen Verleiher nur zweitrangige Filme in die Kinos – das Publikum hockt lieber im Biergarten. Was tun?
Wie wäre es, einmal Filme anzuschauen, die ohne Kamera entstanden sind? Das gibt es: «direct film» nennt man die Methode, Filmstreifen direkt mit Stift, Pinsel, Schaber, Kratzer oder was auch immer zu bearbeiten. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt: Man kann Zelluloid direkt belichten, knicken, mit Collagen bekleben, ansengen, mit Säure ätzen, in diverse Flüssigkeiten tauchen usw. Das Ergebnis wird dann regulär auf die Leinwand projiziert und zeitigt die eigenartigsten Effekte.
In der Frankfurter Kunsthalle Schirn ist derzeit der kleinen Gemeinde von «direct film»-Machern eine Ausstellung gewidmet:
«Zelluloid. Film ohne Kamera.» Die Arbeit «A colour box» von Len Lye, der 1935 abstrakte Muster auf Filmstreifen malte, gilt als eine Art Gründungswerk des Genres. Ein produktiver Kauz war Harry Smith, der ab Ende der 1950er Jahre mit Malerei und aufwändigen Stempelverfahren seltsame Werke schuf. Sie wirken mit ihren pulsierenden Formen und Farben wie Vorläufer der psychedelischen Ästhetik der 1960er Jahre – irgendwo zwischen Kandinsky und Drogentrips.
Unbestrittener «direct film»-Großmeister war der US-Amerikaner Stan Brakhage, der 2003 starb. Fünfzig Jahre lang schuf er die originellsten Kompositionen. Sein Film «Mothlight» von 1963 gilt als Klassiker: Aufgeklebte Mottenflügel, Gräser, Blüten und Blätter ergeben ein irrwitziges Seh-Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Jennifer West dagegen mariniert gerne Filmrollen: Sie legt sie in Absinth, Cola, Wein, Kaffee oder Aphrodisiaka (welche auch immer) ein. Wer nach dem Ansehen dieser (Kurz-)Filme auf den Geschmack gekommen ist, kann sich in der Schirn selbst als Direktfilme-Macher ausprobieren. Was immer dabei entsteht: Optisch aufregender als ein Fußballmatch ist es allemal.
11.06.: Scherben des Glücks
Hochzeitsfieber und Chinesisches Porzellan im nicht so fernen Schweden: Kronprinzessin Viktoria grinst verschmitzt, ihr Verlobter Daniel Westling lächelt breit über das ganze Gesicht. Gemeinsam halten sie eine Holzschublade in Händen, mit hellblauer Satinschleife geschmückt und goldberandetem, weißem Porzellangeschirr gefüllt. Sehr souverän wirken sie dabei nicht.
Will man diesem seit Tagen durch die Medien kursierenden Photo aus dem schwedischen Königspalast - welche Art Werbung damit bezweckt wird, bleibt im Ungewissen - nur einen Funken Glauben schenken, so beeindrucken die Harmlosigkeit und fehlende Phantasie der Hofberichterstattung für das kommende Jubelfest. Hochzeitsfieber strahlt es schon gar nicht aus. Es beschleicht den Betrachter höchstens das ungute Gefühl, dass dem jungen, Paar die Kiste entgleiten könnte - sollte ein Fieberschub sie doch noch schütteln.
Doch: Scherben bringen ja bekanntlich Glück! Dafür muss das Porzellan aber erst zerbrechen - auf dieses Foto freuen wir uns jetzt schon! Bis es soweit ist, laben wir uns an den offiziellen Hochzeitspralinen - die wurden vom schwedischen Hof ausgesucht, werden aber in Deutschland gefertigt und sind hier zu Lande auch zu kaufen.
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