Eine Erinnerung an Will Eisner, den «Godfather» des Amerikanischen Comics. Von Simone Veenstra.
Als Will Eisner am 3. Januar 2005 nach einer Bypass-Operation starb, verlor die Comicwelt einen ihrer vielseitigsten und innovativsten Künstler. Der geistige Vater von «The Spirit» – dem wohl berühmtesten Superhelden ohne Superkräfte – war ein echter Allrounder. Künstler und Businessmann, Geschichtenerzähler und Illustrator für diverse amerikanische Ministerien. Lehrer der School for Visual Arts in New York, Inspiration für mehr als eine Generation von Künstlern und vor allem Pionier in Sachen Comic-Kunst.
Der Vater der Graphic Novel
Will Eisner selbst bezeichnete sich nie als Erfinder der Graphic Novel, doch ohne sein Zutun wäre dieser Terminus heutzutage kaum derart weitläufig bekannt oder als verkaufsförderndes Label beliebt. Immerhin werden aktuell unter dieser Definition all jene Comic-Werke zusammengefasst, die ein erwachsenes Publikum im Auge haben, literarisch hochwertig, in sich abgeschlossen, gut recherchiert und dramaturgisch ausgefeilt sind. Kurz: Der Begriff Graphic Novel brachte den «Wegwerfartikel» Comic, der eilig am Kiosk erstanden wurde, als ernst zu nehmende Literatur in die regulären Buchhandlungen.

«Ein Vertrag mit Gott» – eine Graphic Novel von Will Eisner
Dabei ist die Wortschöpfung selbst einer eher spontanen Idee während eines Verkaufsgesprächs zu verdanken. 1978 hatte Eisner – wohlgemerkt mit 61 Jahren – «Einen Vertrag mit Gott» gerade abgeschlossen, jedoch noch keinen mit einem Verleger. Überzeugt davon, dass dieses Werk ein breiteres Publikum interessieren würde als nur die eingeschworene Comic-Gemeinde, versuchte Eisner einen größeren Verlag als Partner zu gewinnen. Wohl wissend, dass die Bezeichnung «Comic» einen Herausgeber von Romanen eher abschrecken dürfte. Er erklärte daher seine Sammlung von vier Kurzgeschichten, die im New Yorker Immigranten-Milieu spielen, kurzerhand zu einer «Graphic Novel». Und hatte damit Erfolg.
Der Buchhandel dagegen fand es problematisch, dieses Hybridwerk einzuordnen. Stellte man es zu der Kinderliteratur – immerhin bestand es aus Zeichnungen - oder zur religiösen Fachliteratur – auf Grund des Titels? Will Eisner ließ sich von solchen Anfangsschwierigkeiten nicht abschrecken. Er adaptierte Bekanntes wie Herman Melvilles «Moby Dick» (1991), «The Princess and the Frog» (1999) und Miguel de Cervantes' Don Quixote in «The last Knight» (2000). Er machte eine Figur aus Charles Dickens' Oliver Twist zum Hauptcharakter von «Fagin the Jew» (2003) und schöpfte realitätsnahe Alltagsgeschichten aus seinem eigenen Leben, wie «The Dreamer» (1986), «Heart of the Storm» (1991), «Last Day in Vietnam» (2000) oder «The Name of the Game» (2001).
«Ein Vertrag mit Gott» wird als erster Band der «Will-Eisner-Bibliothek» im Carlsen Verlag in deutscher Sprache neu aufgelegt und erscheint am 19.03.2010. Nähere Informationen...
Sein letztes Werk – «Das Komplott» (2005) – beschäftigte sich mit einer der größten Verschwörungs-Lügen des zwanzigsten Jahrhunderts: Den «Protokollen der Weisen von Zion». Eine dokumentarisch daherkommende, fiktive Hetzschrift, die eine jüdische Verschwörung zur gewaltbereiten Erlangung der Weltherrschaft nachweisen will. Ziel von Eisners posthum veröffentlichtem Werk war es, die Authentizität dieses Pamphlets ad absurdum zu führen. Und er war überzeugt davon, dass er dies mit dem von ihm gewählten Medium weit besser erreichen konnte als mit einem akademischen Widerspruch.
Mit rund 20 weiteren Titeln nach «Ein Vertrag mit Gott» beweist sein Schaffen, dass Quantität nicht zwangsläufig auf Kosten der Qualität gehen muss. Hatte Will Eisner doch sein Zielpublikum fest im Blick. Begeisterte kleine Jungs und Mädchen, die mit Cartoons und maskierten Helden aufgewachsen, doch inzwischen erwachsen waren – mit entsprechend veränderten Bedürfnissen, die das Medium Comic noch immer bedienen konnte und sollte.