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Alle heißen Meier

Bestenfalls Bukowski und die „Kritische Masse“ (siehe DDB 4/2009) fielen dabei thematisch aus dem Rahmen – aber es hätte offenkundig zu viele Jury-Mitglieder zu viel Überwindung gekostet, um sich für ein derart spekulatives, roh gezimmertes, nicht wirklich (wie etwa bei Schimmelpfennig) elegantes, dafür aber handfest unter die Haut und an die Nieren gehendes Stück Text in die Bresche zu werfen; dann statt Bukowskis Gegenwarts- doch lieber noch mal die Vergangenheitsbeschwörung der Marke Jelinek.

Zwar ist Mülheims Festival nicht unbedingt für Entdeckungen da; es geht um „neue Stücke“, nicht um „begabte Autoren“. Aber nach dem vorigen Jahrgang, der immerhin Laura de Weck, Felicia Zeller, Philipp Löhle und Ewald Palmetshofer präsentierte, sowie nach Dirk Laucke, Martin Heckmanns und Darja Stocker im Jahr davor war die Mülheimer Bilanz diesmal innovatorisch gleich null. Und nur zum Glück ist „nach Mülheim“ immer auch „vor Mülheim“ – und die nächste Vorauswahl- Jury schon wieder auf Reisen.

In Hamburg geht’s nicht weiter wie bisher, es folgt im Sommer auch keine neue Ausschreibung für nachfolgende Autorentheatertage am Thalia Theater. Die letzte Ausgabe hatte nun zum Abschied des Intendanten Ulrich Khuon noch die Ahnung verstärkt, dass dieser Frühsommer der Neue- Stücke- und Junge-Autoren-Festivals ganz besonders lau geraten würde; Innovation oder auch nur Jugend waren nicht so wichtig, in Mülheim nicht und erst recht nicht in Hamburg. Statt dessen durften einmal mehr die üblichen Verdächtigen durchstarten – den Wettbewerb um drei oder vier Werkstatt-Aufführungen, beispielhaft in Hamburg über viele Jahre hin von einer One-Man- oder One-Woman-Jury kuratiert, gab die Thalia-Mannschaft im Khuon-Finale zu Gunsten eines Dreierpacks von Uraufführungen auf: noch mal Lukas Bärfuss, noch mal Anja Hilling, noch mal René Pollesch, vor dessen sehr verwechselbaren Gardinenpredigten mit verteilten Stimmen derzeit offenbar kaum mehr Rettung möglich ist.

Eine derart sichere Nummer ist dieser kleine Thalia-Marathon geworden, inszeniert zumal außer von (natürlich) Pollesch selbst von den ersten Herren des Hauses, Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig, dass das scheidende Thalia-Team den Abend sogar bis zum Saisonende ins Repertoire genommen hat. Einfallsloser wäre diese Hamburger „Autorentheater“-Ära kaum zu beenden gewesen – und zwar ganz unabhängig davon, ob eventuell Hillings „Radio Rhapsodie“, „Amygdala“ von Bärfuss und womöglich sogar „JFK“ von Pollesch gute, starke Stücke fürs Theater sind. Sie hätten den Weg auf die Bühnen jedenfalls hier und heute auch ohne das Hamburger Festival gefunden.

Neue Stücke von Autoren und Autorinnen, die noch nicht nachhaltig Platz beanspruchen können im System, gab’s also 2009 nur in Berlin und Heidelberg. Stückemarkt, Autoren- Workshop und generell alles, was seit einiger Zeit unter dem schönen Begriff Talente zusammengefasst wird, entwickeln sich mittlerweile zum nicht mehr ganz so geheimen Kern des Berliner Theatertreffens; denn während das Publikum auch dort im Hauptprogramm vor Überraschungen weithin sicher sein kann, jedenfalls so lange Jury-Ideologien wie die in Berlin über Wohl und Wehe des deutschen Theaters entscheiden (siehe auch der Kasten auf der vorangehenden Seite), hat die forcierte Europäisierung immerhin den Stückemarkt inzwischen wirklich zu neuen Horizonten geführt – wo dann auch die elend-deutschen Fragen nach dem jeweiligen Innovationsgrad nichts mehr zählen. Was neu ist und warum – diese Fragen werden hier endlich wieder naiver gestellt. Und es gibt neue Antworten.



Michael Laages / Die Deutsche Bühne / Seite 14 / Juli 2009

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