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Alle heißen Meier
Der Heidelberger Stückemarkt und der Stückemarkt beim Berliner Theatertreffen, das „Stücke“-Festival in Mülheim und die Hamburger Autorentheatertage: Wie erklärt sich die überraschend geringe Präsenz junger Autoren dort?

Und hier soll ehedem zuweilen eine Art Standgericht über junge Autorinnen und Autoren abgehalten worden sein? Kaum zu glauben. Gerade noch ein Stündchen benötigte die fünfköpfige Festival-Jury beim Stücke-Festival in Mülheim, um nach gefälligen Prälimarien die eigentliche Mülheimer Kür zu absolvieren: und 15 000 Euro an das „neue Stück der Saison“ zu vergeben. Die Regisseurin Felicitas Brucker und die Dramaturgin Heike Müller-Merten, der Oberhausener Intendant Peter Carp sowie die Fachjournalisten Franz Wille und Dirk Pilz benahmen sich dabei auffällig bieder, brav und vor allem politisch korrekt – und zeichneten Elfriede Jelinek aus; für „Rechnitz. Der Würgeengel“, den Theater-Text, mit dem Jelinek erzählt vom in Österreich lange unter Schweigen begrabenen NS-Massaker kurz vor Kriegsschluss auf dem Schloss im Städtchen Rechnitz, das damals der Industriellenfamilie Thyssen-Bornemisza gehörte. Kurz nach der Feuilleton- Debatte über das betreffende Enthüllungsbuch eines englischen Nicht- Historikers war Jelineks Stück fertig; als Auftragsarbeit für die Münchner Kammerspiele. Dort hat es Jossi Wieler uraufgeführt (siehe DDB 1/2009).

Die Mülheimer Begründungen blieben geisterhaft vage in der nächtlichen Stunde der Entscheidung; als wäre es vor allem anderen zunächst mal ganz selbstverständlich, für Jelinek zu sein. Und eigentlich sprachen alle dann auch immer bloß über die Wichtigkeit des politischen Anliegens und zählten als Beilage längst bekannte Qualitäten der Jelinek-Technik auf. Kurzzeitig sah es sogar so aus, als könne das Stück gewinnen, ohne dass überhaupt ernsthaft darüber gestritten worden wäre – etwa mit der (nicht gestellten, weil wahrscheinlich zu ketzerischen) Frage, ob nicht dies (wie parallel bei „Fantasma“, dem Wettbewerbsstück von René Pollesch) längst nur noch Blaupausen- Schreibe sei: beliebig reproduzierbar und völlig unabhängig davon, womit sich Frau J. oder Herr P. gerade so be- schäftigt. „Rechnitz. Der Würgengel“ wurde quasi durchgewinkt; dabei ist es von den „neuen“ Stücken dieses Jahrgangs methodisch und handwerklich mit Abstand das älteste. Das Thema hat gewonnen. Und Elfriede Jelinek ist damit die erste Dramatikerin, der in Mülheim der Ehren-Dreisprung gelungen ist: ausgezeichnet 2002, 2004 und nun 2009. Dabei sind Jelineks Stücke in Mülheim seit 1986.

Diese mäßig originelle Kür ist aber nur der Schlusspunkt unter einer Ausgabe des ruhmreichen Mülheimer Festivals, die ihrerseits mäßig innovativ daher kam. Einziger „Debütant“ war ausgerechnet der landauf-landab höchst bewährte Lutz Hübner: ein Witz! Zumal „Geisterfahrer“ sich qualitativ sicher nur sehr graduell unterschied von anderen ziemlich „well made“-Stücken, die an sich nie irgendwo hin eingeladen werden; und wenn doch, wie „Hotel Paraiso“ vor Jahren beim Theatertreffen in Berlin, will es hinterher keiner gewesen sein. Hübners Stärke bleibt, dass er im günstigeren Falle Theater füllen kann. Und das reicht doch auch. Aber auch Sibylle Bergs „Die goldenen letzten Jahre“ aus Bonn und Ulrike Syhas „Familienleben“, uraufgeführt in Chemnitz, räumte die Jury in der nächtlichen Schluss-Sitzung fix runter vom Tableau der möglichen Sieger – und es blieben mit Jelinek und Polleschs „Fantasma“, aber auch Roland Schimmelpfennigs fast auf allen Festivals im Lande gezeigter Hochzeits-Farce „Hier und Jetzt“ und Oliver Bukowskis „Kritische Masse“ nur halbwegs vertraute Stimmen und sehr bekannte Gesichter im Spiel.



Michael Laages / Die Deutsche Bühne / Seite 14 / Juli 2009

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